Startseite › Bremen › Dokument
Sachstand der deutschen IPCEI-Projekte mit besonderer Relevanz für die Stahldekarbonisierung
Beschlussvorlage
| Typ | Beschlussvorlage |
| Gemeinde | Bremen |
| Datum | 2026-11-06 |
| Quelle | Quelldokument herunterladen → |
Dokument
Extrahierter Text
Die Senatorin für Wirtschaft,
Häfen und Transformation
Z5
Auskunft erteilt:
Lüürs
Tel. 32891
Datum:
30. Oktober 2026
Vorlage VL 21/8609
- öffentlich -
Beratungsfolge
Gremium Termin Beratungsaktion
Ausschuss für das Sonstige Sondervermögen
zur Bewältigung der klimaneutralen 6. November 2026 Kenntnisnahme
Transformation der Wirtschaft
Titel der Vorlage
Sachstand der deutschen IPCEI-Projekte mit besonderer Relevanz
für die Stahldekarbonisierung
Wirtschaftlichkeit: Keine WU
VL-Nummer Senat:
Sachdarstellung
Problem
Das europäische Förderinstrument „Important Project of Common European Interest“
(IPCEI) Wasserstoff wurde eingerichtet, um den Aufbau einer europäischen
Wasserstoffwirtschaft zu beschleunigen und die Dekarbonisierung energieintensiver
Industrieprozesse zu ermöglichen. Es umfasst Vorhaben entlang der gesamten
Wertschöpfungskette, insbesondere zur Herstellung von Wasserstoff, zum Aufbau
von Transport- und Speicherinfrastruktur sowie zur industriellen Anwendung.
Deutschland hatte im Rahmen der IPCEI-Wasserstoffvorhaben insgesamt mehr als
50 Projekte angemeldet. Diese umfassten unter anderem 19 Vorhaben im Bereich
Fertigung und Elektrolyse, 15 Infrastrukturprojekte sowie zwölf Mobilitätsprojekte.
Nach Auswahl der Projekte sowie den beihilferechtlichen Genehmigungen durch die
Europäische Kommission wurden 2022 die Förderentscheidungen getroffen und die
Vorhaben in Planungs-, Genehmigungs- und Umsetzungsphasen überführt.
1 von 6
Einen besonderen Schwerpunkt bilden die Projekte zur Umstellung der
Primärstahlproduktion auf wasserstofffähige Direktreduktionsverfahren und
Elektrolichtbogenöfen. Diese Vorhaben sind für die Minderung industrieller
Treibhausgasemissionen und die langfristige Transformationder deutschen
Stahlindustrie von hoher Bedeutung.
Lösung
Der nachfolgende Bericht stellt den aktuellen Sachstand ausgewählter deutscher
IPCEI-Projekte dar. Im Mittelpunkt stehen Vorhaben zur Dekarbonisierung der
Stahlindustrie sowie für deren Wasserstoffversorgung relevante Erzeugungs-,
Transport- und Speicherprojekte.
1. SALCOS in Salzgitter
Die Salzgitter AG verfolgt mit dem Projekt SALCOS die schrittweise Umstellung der
Stahlproduktion auf eine CO₂-arme Produktionsroute mit Direktreduktion und
Elektrolichtbogenofen. Die Vorbereitungen für das Vorhaben begannen im Jahr
2015; die Investitionsentscheidung für die erste Ausbaustufe wurde 2023 getroffen.
Die erste Stufe umfasst den Bau einer Direktreduktionsanlage, eines
Elektrolichtbogenofens sowie einer Elektrolyseanlage mit einer Leistung von 100
MW. Mit der ersten Ausbaustufe soll eine Jahresproduktion von rund 1,9 Mio.
Tonnen CO₂-armem Rohstahl ermöglicht werden. Die Anlagen befinden sich im Bau;
die Inbetriebnahme der ersten Stufe ist für Sommer 2027 vorgesehen, es gibt leichte
Verzögerungen.
Das Investitionsvolumen der ersten Ausbaustufe beträgt rund 2,7 Mrd. Euro. Bund
und Land Niedersachsen fördern das Vorhaben mit insgesamt rund 1,3 Mrd. Euro.
Die Europäische Kommission genehmigte die Aufstockung der Förderung im Februar
2026. Der Bund trägt dabei rund zwei Drittel und das Land Niedersachsen rund ein
Drittel der Förderung.
Mit der ersten Ausbaustufe soll die CO₂-Intensität der Primärstahlerzeugung
zunächst um rund 30 Prozent gesenkt werden. Bei vollständiger Umstellung der drei
Hochöfen auf wasserstoffbasierte Direktreduktion kann die Minderung der CO₂-
Emissionen bis Mitte der 2030er-Jahre technisch bis zu 95 Prozent betragen. Der
langfristige Wasserstoffbedarf am Standort Salzgitter wird auf bis zu 150.000 Tonnen
jährlich geschätzt. Die geplante Elektrolyseanlage kann mit einer Leistung von 100
MW etwa 9.000 Tonnen Wasserstoff jährlich erzeugen. Der Standort bleibt daher
zusätzlich auf externe Wasserstofflieferungen und den Ausbau der
Wasserstoffinfrastruktur angewiesen. Die Investitionsentscheidung für den weiteren
Ausbau wurde auf 2028/2029 verschoben.
2. tkH2Steel in Duisburg
thyssenkrupp Steel verfolgt mit dem Projekt tkH2Steel die schrittweise Umstellung
des Stahlstandorts Duisburg auf eine wasserstofffähige Direktreduktionsroute. Kern
des Vorhabens ist der Bau einer Direktreduktionsanlage mit zwei innovativen
Einschmelzern. Die Anlage soll langfristig mit erneuerbarem Wasserstoff betrieben
Beschlussvorlage Ausschüsse/Deputationen VL 21/8609 2 von 6
werden und einen wesentlichen Beitrag zur Verringerung der CO₂-Emissionen am
Standort leisten.
Der Bau der Anlage schreitet fort. Wesentliche Großkomponenten, darunter der rund
140 Meter hohe Direktreduktionsturm, wurden montiert. Die physische
Inbetriebnahme der Direktreduktionsanlage und der beiden Einschmelzer ist für das
Jahr 2027 vorgesehen.
Geplant ist offiziell weiterhin der 100 % Wasserstoffbetreib ab 2029 um 2,3 Mio
Tonnen Roheisen zu produzieren. Der vorgesehene Hochlauf der
Wasserstoffversorgung entspricht allerdings bislang nicht den ursprünglichen
Erwartungen. Aufgrund hoher Preise für erneuerbaren Wasserstoff und einer noch
nicht ausreichend verfügbaren Infrastruktur hatte thyssenkrupp Steel eine
Ausschreibung zur Wasserstoffbeschaffung gestoppt. Das Unternehmen führt laut
einer schriftlichen parlamentarischen Anfrage (Bundestagsdrucksache 21/7980)
Gespräche mit dem Bund und der Europäischen Kommission über flexiblere
Übergangsregelungen für den Anlaufbetrieb.
Gegenstand der Gespräche ist insbesondere die Möglichkeit, die Anlage in einer
Übergangsphase mit einem höheren Erdgasanteil zu betreiben, ohne dass die
Förderung gefährdet wird. Die vollständige Wasserstofffähigkeit der Anlage bleibt
verbindliches Ziel. Der Wasserstoffbedarf soll schrittweise steigen und bis 2029 rund
143.000 Tonnen jährlich erreichen. Das genehmigte Fördervolumen für das Projekt
beträgt rund 2 Mrd. Euro plus 1 Mrd € Eigenbeitrag.
3. Power4Steel in Dillingen und Völklingen
Die Stahl-Holding-Saar verfolgt mit dem Projekt Power4Steel die schrittweise
Umstellung der Stahlproduktion an den Standorten Dillingen und Völklingen auf
Direktreduktion und Elektrolichtbogenöfen. Ziel ist die weitgehende Ablösung der
kohlebasierten Hochofenroute und eine deutliche Verringerung der CO₂-Emissionen.
Die Transformationsfinanzierung mit einem Volumen von rund 1,7 Mrd. Euro durch
ein Konsortium führender nationaler und internationaler Banken ist abgeschlossen.
Die staatlichen Förderzusagen belaufen sich auf rund 2,6 Mrd. Euro. Seit dem Jahr
2024 werden die Bauvorbereitungen und die bauliche Umsetzung der zentralen
Anlagen vorangetrieben. Am Standort Dillingen entstehen derzeit über 100 Gebäude,
darunter die geplante Direktreduktionsanlage mit einer Höhe von rund 140 Metern.
Für wesentliche Anlagenteile wurden im Sommer 2025 die Betriebsgenehmigungen
nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz erteilt. Die Inbetriebnahme der
Direktreduktionsanlage und der zwei Elektrolichtbogenöfen ist für die Jahre 2028
(Völklingen) und 2029 (Dillingen) vorgesehen. Erste Lieferungen von CO₂-
reduziertem Stahl aus Völklingen an Kunden, insbesondere aus der
Automobilindustrie, sind ab dem Jahr 2028 geplant.
Anfang der 2030er-Jahre sollen an den Standorten bis zu 3,5 Mio. Tonnen Rohstahl
CO₂-reduziert hergestellt werden. Dies entspricht einer erwarteten jährlichen CO₂-
Minderung von rund 4,8 Mio. Tonnen beziehungsweise rund 55 Prozent bei Anfangs
Beschlussvorlage Ausschüsse/Deputationen VL 21/8609 3 von 6
50.000 t Wasserstoff. Bis 2045 wird eine vollständig klimaneutrale Stahlproduktion
angestrebt bei einem perspektivischem Bedarf von mehr als 120.000 t Wasserstoff.
Mit dem französischen Energieunternehmen Verso Energy wurde ein langfristiger
Vertrag für die jährliche Lieferung und Abnahme von mindestens 6.000 Tonnen
„grünem“ Wasserstoff abgeschlossen. Der Projektfortschritt wird derzeit
insbesondere durch Verzögerungen beim regionalen Aufbau der
Wasserstoffinfrastruktur sowie durch Schwierigkeiten bei der Absicherung
langfristiger Liefer- und Abnahmeverträge beeinflusst.
4. DRIBE2 und H2H von ArcelorMittal
ArcelorMittal hatte im Rahmen der IPCEI-Wasserstoffvorhaben
Transformationsprojekte an den Standorten Bremen und Eisenhüttenstadt
vorgesehen. Die Projekte zielten auf die Einführung von Direktreduktionsanlagen und
Elektrolichtbogenöfen als Grundlage einer CO₂-ärmeren Stahlproduktion.
ArcelorMittal hatte im Jahr 2025 bekanntgegeben diese Pläne nicht weiter zu
verfolgen. Dies wird mit hohen Energie- und Wasserstoffpreisen, erheblichem
internationalem Wettbewerbsdruck sowie noch nicht ausreichender
Planungssicherheit für eine wirtschaftliche Versorgung mit Wasserstoff begründet.
Die an einen Baubeginn gebundene Förderung in Höhe von rund 1,3 Mrd. Euro wird
nicht in Anspruch genommen.
5. Clean Hydrogen Coastline der EWE in Emden
Mit dem Projekt Clean Hydrogen Coastline errichtet die EWE in Emden eine
Elektrolyseanlage mit einer Leistung von 320 MW. Das Vorhaben ist für die
Bereitstellung von erneuerbarem Wasserstoff in Nordwestdeutschland und damit für
die Versorgung industrieller Abnehmer von Bedeutung.
Die Inbetriebnahme der Elektrolyseanlage ist ursprünglich für Ende 2027
vorgesehen, verschiebt sich aber vermutlich auf 2028. Die Anlage soll bis zu rund
26.000 Tonnen Wasserstoff jährlich erzeugen. EWE und die Salzgitter Flachstahl
GmbH haben im Jahr 2026 einen langfristigen Liefervertrag über grünen Wasserstoff
geschlossen. Ab 2030 soll EWE Salzgitter zunächst über sieben Jahre mit jährlich
rund 10.000 Tonnen grünem Wasserstoff beliefern.
Das Projekt verbindet Wasserstofferzeugung mit Speicher- und
Transportinfrastruktur. Die H2Coastlink-Leitungen sollen Emden mit
Kavernenspeichern in Huntorf und weiteren Wasserstoffnetzen verbinden.
Vorgesehen sind zudem Verbindungen zu den Infrastrukturen von Gasunie und OGE
sowie zu einer Leitung zwischen Wilhelmshaven und Leer. Die Gesamtinvestitionen
der EWE in Wasserstofferzeugung, -speicherung und -infrastruktur belaufen sich auf
rund 1 Mrd. Euro inkl. Förderung. Ende Juni 2025 hatte EWE mitgeteilt, den für
Bremen als Teilprojekt des IPCEI CleanHydrogen Coastline vorgesehenen
Elektrolyseur nicht weiter zu verfolgen.
6. GETH2-Konsortium
Beschlussvorlage Ausschüsse/Deputationen VL 21/8609 4 von 6
Das GETH2-Konsortium mit Beteiligung unter anderem von RWE, bp und Salzgitter
verfolgt den Aufbau eines grenzüberschreitenden Wasserstoffnetzes mit Transport-
und Speicherkapazitäten. Ziel ist es, Erzeugungs- und Importstandorte,
Kavernenspeicher sowie industrielle Abnehmer bis 2030 miteinander zu verbinden.
Das Vorhaben kann für die Versorgung energieintensiver Industrie- und
Stahlstandorte von Bedeutung sein. Sein Fortschritt hängt insbesondere vom
parallelen Ausbau von Elektrolysekapazitäten, Wasserstoffleitungen und
Speichermöglichkeiten ab.
Die dargestellten Vorhaben verdeutlichen, dass wesentliche industrielle
Transformations- und Infrastrukturprojekte in Deutschland in der Umsetzungsphase
sind. Gleichzeitig bestehen weiterhin erhebliche Herausforderungen durch hohe
Energie- und Wasserstoffpreise, den verzögerten Hochlauf der Infrastruktur sowie
die Notwendigkeit langfristig belastbarer Liefer- und Abnahmebeziehungen. Der
weitere Projektfortschritt und geeignete Rahmenbedingungen sind daher für die
Dekarbonisierung der Stahlindustrie und den Aufbau einer wettbewerbsfähigen
Wasserstoffwirtschaft von zentraler Bedeutung.
Finanzielle und personalwirtschaftliche Auswirkungen, Gender-Prüfung
Die Vorlage dient ausschließlich der Berichterstattung und Kenntnisnahme zum
Sachstand ausgewählter IPCEI-Wasserstoffprojekte. Hieraus ergeben sich keine
unmittelbaren Mehr- oder Minderausgaben, Mehr- oder Mindereinnahmen sowie
keine Auswirkungen auf die Haushalts- und Finanzplanung des Landes Bremen.
Auch für Folgejahre entstehen keine finanziellen Verpflichtungen.
Personalwirtschaftliche Auswirkungen sind nicht zu erwarten; zusätzlicher
Personalbedarf entsteht nicht.
Unmittelbare geschlechtsspezifische Auswirkungen ergeben sich aus der
Kenntnisnahme nicht. Die dargestellten Projektentwicklungen können mittelbar
Beschäftigungs- und Qualifizierungswirkungen in Industrie und Energiewirtschaft
entfalten; diese sind auf Grundlage der vorliegenden Informationen nicht
geschlechtsspezifisch bewertbar.
Beschlussempfehlung
Der Sondervermögensausschuss für das Sonstige Sondervermögen zur Bewältigung
der klimaneutralen Transformation der Wirtschaft nimmt den Sachstandsbericht der
deutschen IPCEI-Projekte mit besonderer Relevanz für die Stahldekarbonisierung“
zur Kenntnis.
Beschlussvorlage Ausschüsse/Deputationen VL 21/8609 5 von 6
Anlage(n):
1. Anlage - Vorlage SVA 06.11.2026 - IPCEI-H2_bewilligte_Projekte_Stand_12-
2024(1)
Beschlussvorlage Ausschüsse/Deputationen VL 21/8609 6 von 6
Text aus PDF extrahiert